Bremsrevision

Von Bernhard Plüss
Bremsrevision mit negativem Ergebnis
Jede Bremsanlage hat zwangsläufig einen gewissen Verschleiss, sei
dies nun durch Alter oder Beanspruchung und muss irgendwann erneuert
werden. Was man dabei alles so für Überraschungen erlebt, könnt ihr
im folgenden Bericht lesen. Denn nicht alles was auf dem Markt neu
erscheint, ist auch den Anforderungen gewachsen.
Nach der Restaurierung (Aufbau) unseres Busses S 110 (Restauration
und Aufbau, zu sehen unter
www.wohnbus.ch, Rubrik Vorstellungen) habe ich damals alles was
die Bremshydraulik betrifft durch Neuteile ersetzt. Nämlich beide
Hauptbrems- und alle Radzylinder, die flexiblen Schläuche und einen
Teil der aussenliegenden Metallleitungen. Die Bremstrommeln konnte
man damals noch ausdrehen bis auf das höchst zulässige Mass.
In den jetzt elf Betriebsjahren war die Bremse gut und hat auch den
gesetzlichen Anforderungen entsprochen, war jedoch bei extremer
Beanspruchung nachlassend (Bremsfading). Da der Bus aber über eine
TELMA Wirbelstrombremse verfügt, wurde die Bremse nur zum Anhalten
aus kleinen Geschwindigkeiten benutzt, wo die Wirkung der TELMA
nicht mehr ausreichte oder bei einer Notbremsung.
Im Jahr 2006 habe ich mich damit befasst, alle bremsrelevanten Teile
(Luftvorspannzylinder, Hauptbremszylinder, Radzylinder,
Bremstrommeln, Bremsbacken und Rückholfeder Satz) neu zu beschaffen.
Jeder weiss, dass es nicht einfach ist für unsere alten Fahrzeuge
Neuteile zu beschaffen. Bei den Rad-Bremszylindern hatte ich das
Glück, dass ein europaweiter Bremslieferant noch gerade einen
kompletten Satz Radbremszylinder neu liefern konnte.
Bei den Bremstrommeln jedoch war das Beschaffungsproblem weit
grösser. Andreas Marstaller konnte mir noch zwei nagelneue, vordere
Bremstrommeln beschaffen. Bei den hinteren Bremstrommeln waren in
ganz Europa keine passenden Trommeln aufzutreiben. Also mussten
diese aus einem passenden dickwandigen Rohrstück aus GG 25 Stahl
einzeln angefertigt werden. Vorab wurden von beiden Trommeln CAD
Zeichnungen erstellt. Sollte jemand in die gleiche Situation
geraten, kann er die CAD Zeichnungen bei mir via PDF anfordern.
(Bremstyp vorne 400 x 120, hinten 400 x 140 Ausführung 8 Loch.)
Im Winter 2007/08 habe ich noch eine komplette Pneumatikrevision
durchgeführt. Das heisst vom Kompressor-Druckstutzen an wurden alle
Leitungen, Verschraubungen, sämtliche Ventile und alle
Luftdruckbehälter, die jetzt aus Aluminium sind, ersetzt. Die
Leitungen sind jetzt nicht mehr aus Stahl, sondern aus Kunststoff
und es wurde ein kombinierter Druckregler mit Lufttrockner
Installiert.
Im folgenden Winter 2008/09 habe ich dann die besagte Bremsrevision
durchgeführt. Die ausgebauten Bremsbacken habe ich bei einer
Bremsbearbeitungsfirma (Name möchte ich aus rechtlichen Gründen
nicht nennen) zum neu belegen in Auftrag gegeben. Mit vorheriger
Absprache, dass ich eine Bremse möchte, die in niedrigen
Geschwindigkeiten vielleicht nicht so gut verzögert wie der
Originalbelag (Jurid …. ist nicht mehr erhältlich). Jedoch aus hohen
Geschwindigkeiten sollten sie eine progressive Bremswirkung erzeugen
(mit zunehmender Reibtemperatur wird die Bremsleistung markant
stärker und der Pedaldruck muss reduziert werden ansonsten die Räder
blockieren). Diejenigen, die früher mit dem Motorsport zu tun
hatten, kennen noch den Bremsbelag der Firma Ferodo Typ DS 11. Dies
war ein Bremsbelag von dem man heute nur träumen kann. Nur eine
teure Bremse (z.B. Tarox) erreicht solche Bremsverzögerungen. Leider
war der Belag asbesthaltig und wurde aus dem Programm genommen.
Nichtsdestotrotz waren meine Vorgaben klar definiert und eine Firma
in dieser Grössenordnung sollte fähig sein einen solchen Bremsbelag
aufzutreiben.
Um einen absoluten Rundlauf der Rad- und Bremseinheit zu erreichen,
wurden zum Fertigdrehen der Trommeln alle Lagerflansche abgebaut.
Die Teile wurden dann mit Rad, Bremstrommel, und Lagerflansch
verschraubt. Dann wurde alles zusammen auf die Drehbank gespannt und
die Trommel auf ihr Fertigmass gedreht.
Alle verschraubten Teile wurden in ihrer Position gezeichnet, so
dass dann am Fahrzeug wieder die gleiche Montageposition erreicht
wird. Nach Montage der neu belegten Bremsbacken wurde dann mit dem
Bremsdrehaparat (Bremsdoktor) die Beläge der Bremstrommel angepasst.
Diese Arbeiten wurden von dem Mitarbeiter der Bremsfirma absolut
korrekt und penibel ausgeführt.
Nach Montage aller Teile wurde eine Probefahrt durchgeführt. Die
Bremsanlage hatte im unteren Geschwindigkeitsbereich merklich mehr
Bremsleistung aufzuweisen und auch der Rundlauf war sehr gut
(Prüfstand Unrundheit = 4 %).
Nun ist klar, dass man neue Bremsen am Anfang nach Möglichkeit nicht
zu hoch belasten sollte bis sich die Reibbeläge der Trommel
angepasst haben. Nach etwa 2'500 km Laufleistung musste ich aus ca.
80 km/h stark abbremsen und bemerkte, dass die Bremsleistung mit
zunehmender Temperatur sehr stark nachliess und die Trommeln
anfingen zu rubbeln.
Diese Situation beunruhigte mich, so dass ich in diesem Winter
2009/10 die Bremstrommeln demontierte und alle Einstellungen
kontrollierte. Auch das Tragbild der Bremsbackenfläche wurde durch
den Bremslieferanten überprüft und als gut befunden.
Da ich alle Jahre auf dem Bremsprüfstand eine Kontrolle mit
Prüfprotokoll machen lasse, standen mir die wenigen Haare, die ich
noch habe zu Berge, und meine Fussnägel rollten sich nach hinten. Es
war schlichtweg der blanke Horror wie die kalte Bremse schlechte
Ergebnisse lieferte. Ich fuhr dann ein paar Kilometer um die Bremsen
zu erwärmen, dann wieder auf den Prüfstand. Das Ergebnis war noch
schlechter und bestätigte mein Gefühl beim Fahren, dass die Bremse
starke Fading Erscheinungen zeigte.
Nach Rücksprache mit dem Bremslieferanten, der übrigens keine
Erklärung hatte, händigte mir dieser die technischen Daten des
verbauten Bremsbelags aus, und bat mich mit, dem einzigen
Bremsbelaghersteller in der Schweiz, der sich spezialisiert hat für
Fahrzeuge in Kleinserie Bremsbeläge herzustellen, Kontakt
aufzunehmen.
Ich telefonierte mit Herrn Pfister, (Mail:
felix.pfister@furka-ag.com) FURKA Reibbeläge AG, Passwangstrasse
20 in CH-4226 Breitenbach,
http://www.furka-ag.com, Telefon +41 (0)61 785 95 02, der die
ihm übermittelten Datenblätter auswertete und zum Schluss kam, dass
dieser Bremsbelag total ungeeignet ist.
Er bot mir an einen Bremsbelag herzustellen, der erstens den
gesetzlichen Vorschriften entsprechend der Bremsleistung genügt, und
zweitens meinen Wünschen gerecht wird. Somit hiess dies alles wieder
demontieren und von vorne beginnen. Nach Anlieferung der neuen
Bremsbacken wurde alles montiert, erneut mit dem Bremsdrehapparat
bearbeitet und eingestellt. Nach erfolgter Montage wurde eine etwas
längere Probefahrt durchgeführt. Es war schon in den ersten Metern
zu spüren, dass diese Bremse sich ganz anders verhält. Sie ist sehr
fein dosierbar, reisst nicht ein und bei höheren Geschwindigkeiten
erzeugt sie eine Verzögerung die seines gleichen sucht.
In der Zwischenzeit sind wir mit den neuen Bremsen ca. 2'800 km
gefahren, unter anderem musste ich auch eine Notbremsung
durchführen, vermutlich hätte ich mit den vorherigen Bremsen das
Fahrzeug nicht zum Stillstand gebracht. Es war auch bei mehreren
Bremsungen aus höheren Geschwindigkeiten absolut keine Fading
Erscheinung zu spüren, ebenso das Rubbeln der Bremstrommeln ist
nicht mehr zu spüren.
Abschliessend kann ich diese Firma nur empfehlen, vor allem Herr
Pfister ist sehr kompetent in Sachen Bremsen. Denn es wird immer
schwieriger für unsere Fahrzeuge Fremdteile zu erhalten und vor
allem Leute zu finden, die sich der Sache annehmen.
Verfasser : PWE Plüss Wohnmobilelektronik
Plüss Bernhard
Dipl. Fahrzeugelektriker/Elektroniker/Diagnostiker
Gummweg 112
CH-3612 Steffisburg
Mail: pluess.wt@bluewin.ch |